Wir danken der Zeitschrift Tattva Viveka herzlich für die freundliche Genehmigung, diesen wertvollen Essay an dieser Stelle zu veröffentlichen.
Dr. Jens Heisterkamp, Chefredakteur der Info3, beleuchtet in diesem Beitrag Rudolf Steiners differenziertes Verständnis der Seele, ein Thema, das viele unserer Leserinnen und Leser besonders interessieren dürfte.
Von den drei seelischen Dimensionen
Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Wiederentdeckung der Seele. Sigmund Freud, Edmund Husserl, C. G. Jung und manche andere begannen, oft genug auch abseits des Mainstreams, sich auf die Phänomene der Seele neu einzulassen. Insbesondere seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ging daraus auch eine Reihe neuer therapeutischer Ansätze hervor. In der akademisch-wissenschaftlichen Welt dagegen kommt der Begriff »Seele« kaum noch vor. Dabei hat der Begriff immer noch einen Zauber. Viele Menschen spüren, dass hier etwas liegt, das mit der tieferen Seite ihrer selbst zu tun hat.
Ein wenig bekannter Ansatz, sich dem Verständnis der Seele zu nähern, geht auf Rudolf Steiner, den Begründer der Anthroposophie (1861–1925), zurück. Es gibt sogar ein verbindendes Moment seines Denkens mit dem anderer wichtiger Pioniere der Seele. Im Jahr 1918 veröffentlichte Steiner sein Buch »Von Seelenrätseln«. Er widmete es dem kurz zuvor verstorbenen Philosophen Franz Brentano, der während Steiners Studienjahren in Wien zu seinen Lehrern gehörte und den er lebenslang verehrte. Nun ist es spannend, wer da gegen Ende des 19. Jahrhunderts außer Steiner noch in diesen Wiener Vorlesungen Brentanos gesessen hatte: Es waren keine Geringeren als Sigmund Freud und Edmund Husserl! Warum hat nun Steiner den Philosophen Brentano so geschät
Brentano gründete sein Werk auf die aristotelische Philosophie. Sein Ziel war es, einen philosophisch-wissenschftlichen Zugang zur Seele zu finden, der auf seine Art genauso methodisch fundiert sein sollte wie die damals aufsteigenden Naturwissenschaften – nur, dass die exakte Beobachtung bei seinem Forschungsgegenstand nicht nach außen gerichtet sein konnte – schließlich ist ja die Seele kein äußerlich sichtbares Objekt –, sondern nach innen. Auf diesem introspektiven Weg suchte er ein gemeinsames Wesensmerkmal aller Erscheinungen aller seelischen Phänomene. Brentano fand es – und Steiner stimmte hier mit ihm überein – in der Struktur des Gerichtet-Seins auf etwas anderes. Seele also nicht als eine Art unsichtbares Objekt, sondern als ein Prinzip: Für Brentano ist alles Seelische gekennzeichnet durch ein »In-sich-über-sich-hinaus-Sein«, das Aufnehmen eines Äußeren (beziehungsweise anderen) in ein Inneres. Umgekehrt geht dieses Innere stets in seiner Aufmerksamkeit und Aktivität aus sich heraus. Brentano verwendete hierfür auch den Begriff des Intentionalen. Noch einmal anders formuliert: Seele ist ein gerichtetes Dazwischen.
Beobachten mit Aristoteles
Damit griff Brentano ein zentrales Motiv der aristotelischen Philosophie auf. Das ist wichtig zu beachten, da auch Steiners differenzierte Lehre von der Seele viel mit dem großen Griechen gemein hat (wiewohl sie – wie später noch zu sehen sein wird – auch Verwandtschaften mit dem östlichen Weisheitsstrom aufgriff). Eine Seelenlehre in der Linie Aristoteles-Brentano-Steiner ist mehr phänomenologisch und konkret beobachtend orientiert und unterscheidet sich insofern von Ansätzen, die mit »Seele« einen mehr unbestimmten, irgendwie »tieferen« Zusammenhang meinen (»Die Seele der Nationen«) oder mehr metaphorisch auf ein tieferes Wesen im Menschen selbst zielen. In letzterem Sinne scheint unter anderem Ken Wilber »Seele« zu verstehen, was im Dialog mit der europäischen Tradition zu Missverständnissen führen kann.
Aristoteles praktizierte als erster Denker im Abendland einen nicht mehr spekulativen, sondern an den Phänomenen orientierten Zugang zur Seele. Für ihn ist Seele etwas, das sich zwischen dem Körper auf der einen und dem Geist auf der anderen Seite auslebt (also anders als bei Wilber, für den »Seele« die höhere Stufe darstellt – was in Europa von Aristoteles bis Hegel jedoch als »Geist« bezeichnet wird – Missverständnisse sind hier, wie angedeutet, vorprogrammiert). Anders als noch Plato setzte Aristoteles kein (schon vorgeburtlich bestehendes) Wesen der Seele mehr voraus, sondern beschrieb Strukturen und Funktionen des Seelischen anhand des konkreten Lebens. Aristoteles hielt sich mit Aussagen darüber zurück, ob es so etwas wie eine unsterbliche Seele geben könnte, sondern beschrieb einfach, was er als Merkmale des Seelischen beobachtete.
Wenn wir eine einfache Definition versuchen, können wir sagen, Seele ist für Aristoteles das Vermögen, durch das ein Wesen lebendig wird.
Und Lebendigkeit ist immer auch Bewegung. Was er damit meinte, wird am besten durch einen Vergleich mit der Welt der Mineralien und Steine deutlich. Stellt man sich innerlich auf der einen Seite einen Granitblock vor, auf der anderen Seite eine Gemse im Bergland, dann fällt sofort auf, dass der Stein über keine eigene Bewegungsmöglichkeit und somit über kein Leben verfügt. Sofern sich der Block irgendwann aus einem Bergmassiv gelöst hat und zu Tal gerollt ist, sind dafür Elemente verantwortlich, die außerhalb seiner selbst liegen: Schwerkraft und Verwitterungskräfte geben ihm die Form von außen. Anders das alpine Klettertier: In ihm ist etwas wirksam, das es zu einem lebendigen Wesen macht. Die Gemse bewegt sich aus inneren Antrieben heraus, sucht nach Futter und kann auf äußere Eindrücke reagieren, zum Beispiel durch schnelle Flucht, wenn ein Spaziergänger zu nahe kommt. Sie verhält sich auch nicht nur mechanisch (so wie ein Felsbrocken nach den Gesetzen der Physik zu Tal rollt), sondern aus speziellen Instinkten heraus, die charakteristisch für ihre Art sind. Im Verhalten der Gemse (wie auch in dem aller anderen Tiere) zeigen sich also genau die Merkmale, die Brentano als wesentlich für die Seele beschrieben hat: Das Tier richtet sich intentional auf seine Umgebung, es verhält sich aus einem inneren Erleben heraus, es kann seiner inneren Verfassung (zum Beispiel Angst) Ausdruck geben. Mit anderen Worten: Die Gemse ist ein seelisches Wesen, während der Stein uns nichts verrät, was auf eine (seelische) Innenseite hinweist.
Erfahre im vollständigen Artikel mehr über die anthroposophische Seelenlehre, die von drei seelischen Ebenen ausgeht, und welche dieser drei Ebenen dem Menschen vorbehalten ist und ihn infolgedessen – zumindest seelisch – von Tieren und Pflanzen unterscheidet. Der Beitrag ist in Tattva Viveka 95 erschienen.
